Thema verfehlt, setzen, sechs

Endlich wird in Deutschland über Sexismus geredet! Hurra, hurra, Freude aller Orten. Aber wie wird über Sexismus geredet? Mit Gebrüll am Thema vorbei. Das ist es dann auch mit der Freude.

Denn:

Dass man von der Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Deutschland so weit weg ist wie die Erde vom Mond? Juckt keine Sau.

Dass in vielen Städten Kita-Plätze fehlen? Pffffffffff…

Dass Mamas nach der Baby-Pause selten geholfen wird, wieder im Beruf Fuß zu fassen? Was, äh, hä, wie bitte?

Dass die Familienministerin sich aufführt, als käme sie direkt aus den 50ern des 20. Jahrhunderts und den Frauen damit immens schadet? Egal.

Dass Frauen bei gleicher Qualifikation oft weniger verdienen als Männer? Geschenkt.

Dass junge Frauen gerne mal nicht eingestellt werden, weil sie ja noch Kinder bekommen könnten? Who cares.

Wenn sich aber ein Politiker zu später Stunden einer Journalistin gegenüber daneben benimmt, ist die Aufregung fast so groß, wie wenn in Stuttgart ein Bahnhof unter die Erde gelegt werden soll.

Dabei müsste man den Text der Stern-Redakteurin nur mal genau lesen um zu merken: Da stimmt was nicht. Claudius Seidl hat’s in der FAS auf den Punkt gebracht: Wer sich als Journalist auf das Spiel „Wir-reden-mal-ganz-locker-und-off-the-record“ einlässt, der muss wissen: „Wer um Mitternacht an die Bar geht, weiß, dass jetzt andere Regeln gelten und ein Spiel gespielt wird, bei dem man auch verlieren kann. (…) die Regeln sind nicht festgelegt, sondern werden situativ ausgehandelt, und der Einsatz besteht darin, dass beide Seiten jene Distanz aufgeben, welche sie normalerweise voreinander schützt.“

Brüderle mag ein alter Chauvi sein – dass die gute Laura Himmelreich sich aber zum hilflosen Opfer stilisiert, ist lächerlich. Schließlich war sie es, die Brüderle auf Stammtischniveau diskriminierte. „Ich möchte von ihm wissen, wie er es findet, im fortgeschrittenen Alter zum Hoffnungsträger aufzusteigen,“ gibt sie in dem Stern-Artikel auch noch rotzfrech zu. Dass diese Frage beim Stern von einer so genannten Politik-Redakteurin gestellt wird, sagt wohl alles… (Als Aufklärungsheft gegen Sexismus taugt der Stern außerdem nicht, da er halb bis ganz nackte Frauen gern zur Illustration diverser Themen auf dem Titel zeigt.)

Natürlich gibt es Männer, die Frauen dumm und sexistisch anbrabbeln und natürlich ist das nicht in Ordnung. Das Gute ist aber: Frauen sind keine Opfer. Eine selbstbewusste Antwort, die den Mann in seine Grenze weist, reicht oft schon. Am besten noch vor anderen, dass er schön bloßgestellt ist. Klar, für eine Auszubildende, die von ihrem Chef angemacht wird, ist das leichter gesagt als getan. Aber auch hier gilt: Wer selbstbewusst auftritt, ist kein Opfer. Und wird auch nicht von anderen dazu gemacht. Zur größten Not muss man sich an den Chef vom Chef wenden oder ihn anzeigen.

Schlimm auch, wenn bei Jauch Silvana Koch-Mehrin und Allzweck-Emanze Alice Schwarzer davon sprechen, wie wichtig es ist, dieses Thema endlich mal öffentlich zu machen. Denken die tatsächlich, Männer wissen nicht, dass sexistisches Geschwätz unerwünscht ist? Spätestens seit dem Antidiskriminierungsgesetz dürfte es jedem klar sein. Altherrenwitze sind in manchen Kreisen immer noch beliebt und so seine vermeintliche Macht über Frauen zu zeigen ist zwar niveaulos, macht manchen Herrn allerdings Spaß. Den verderben wir ihnen.

Advertisements

Spiel ruhig mit den Schmuddelkindern

„Ich hab keinen Bock, dass ich morgen tot aufwache.“ Was absurd klingt, ist so ernst gemeint, wie alles, was Joey Heindle in der Sendung „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ von sich gibt. Mit der Kraft seiner 19-jährigen Lebenserfahrung sinniert er über die vermeintlich tödliche Gefahr durch herabfallende Palmwedel, verwechselt Eintopf mit Einlauf und staunt darüber, dass RTL sein Dschungelcamp nicht aus den Kölner Studios, sondern tatsächlich live aus Australien sendet.

Diese niedliche Naivität ist die Würze im TV-Dschungel-Einlauf, pardon, Eintopf, die ganz wie in der Reis-Bohnen-Pampe der Kandidaten aber nur in geringer Dosis vorkommt. Denn im Erfolgsrezept der einst verteufelten Show, die mittlerweile jeden Abend mehr als sieben Millionen Zuschauer anlockt, ist nichts ernst gemeint: Wenn sich das Moderatoren-Duo Sonja Zietlow und Daniel Hartwich, der Nachfolger des verstorbenen Dirk Bach, über die Dschungel-Insassen und über sich selbst auslässt, ist Ironie der Weg zum Erfolg.

Es ist ganz einfach: Hau dich selbst, dann tun die Hiebe der anderen nicht weh. Hartwich erklärt das Format selbst zum Schmuddel-TV und beteuert, dass er nur Arte guckt und Zietlow reitet darauf herum, dass die Bild.de-User sich in einer Umfrage Hartwichs Ablösung durch Drag-Queen und Dschungel-Kandidatin Olivia Jones wünschen. Und wenn sie dann noch ihre eigenen Zuschauer veralbern und grinsend erklären, dass der durchschnittliche RTL-Zuschauer bei Nachtwache an das berühmte Bild von Rembrandt denke – dann ist das in seiner Selbstironie so erhaben über alle Kritik, dass sich wohl so mancher bei RTL vor Freude einnässt und der Sender sich selbst als den wahren Dschungelkönig feiert.

Tatsächlich sind Zietlow, Hartwich und ihre Gag-Schreiber so gut, dass es sich lohnt, die Show zu gucken. Dass sich fast jeder zweite, der spätabends die Glotze einschaltet, mittlerweile in den Dschungel verirrt, liegt sicher auch an den pointiert-anspruchsvollen Dialogen der beiden. Dabei wurde die erste Staffel von „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ von Politik, Kirche und Medienwissenschaftlern als Ekel-, Schmuddel- und Unterschichten-TV angeprangert, die den Untergang der abendländischen Kultur einleute. Der Autor und Psychiater Mario Gmür bezeichnete das Dschungelcamp damals in der FAZ als „geschwätzig, kitschig, unprägnant, klischeehaft und kindisch.“ Die ganze Sendung, so Gmür, künde von einer regrediert-infantilen Verfassung.

Obwohl das Prinzip der Sendung gleich blieb – uninteressante Promis verdrücken in Dschungelprüfungen Buschschwein-Vagina, Kamel-Penis und ähnliche Leckereien, um Essen für die Gruppe zu erkämpfen, werden bei Stoffwechselvorgängen gefilmt, lästern übereinander und lassen sich zu mauen Sex-Geständnissen hinreißen – wurden die Kritiken mit der Zeit besser. Medienjournalist Stefan Niggemeier schrieb 2009: „Zum Geheimnis des überwältigenden Erfolges (…) gehört, dass die Show nicht nur an die niedersten Instinkte appelliert, sondern auch das Gehirn intelligenter Menschen anspricht. Sie ist hervorragend produziert.“ Die aktuelle Staffel wird bei Spiegel online gefeiert und die taz erkannte im Dschungelcamp sogar eine „intellektuelle Herausforderung“.

Unweigerlich fragt man sich, ob dieser jeder RTL-Zuschauer gewachsen ist. In dieser Frage steckt noch ein Erfolgsgarant der Sendung: Während man fröhlich über Hartwichsche und Zietlowsche Anspielungen lacht, freut man sich diebisch darüber, dass der dröge Nachbar das Camp sicher nur guckt, weil er sich voyeuristisch am Maden-Baden erfreut. Man ist also nicht nur den armen Ex- oder Nie-so-richtig-Berühmten im Camp überlegen – sondern vor allem dem gemeinen RTL-Zuschauer.

Und der kann einem ja höchstens leid tun, wenn er die Schicksals-Storys, die die Kandidaten am  Lagerfeuer absondern, ernst nimmt. Auf Mitleid dürfen die Dschungelcamp-Insassen nicht hoffen. Sie sind zwar keine richtigen Promis, dafür aber echte Medienprofis. Höchstens DSDS-Gewächs Joey tut einem ein ganz klein wenig leid und man hofft inständig, dass er morgen früh nicht tot aufwacht.