Spiel ruhig mit den Schmuddelkindern

„Ich hab keinen Bock, dass ich morgen tot aufwache.“ Was absurd klingt, ist so ernst gemeint, wie alles, was Joey Heindle in der Sendung „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ von sich gibt. Mit der Kraft seiner 19-jährigen Lebenserfahrung sinniert er über die vermeintlich tödliche Gefahr durch herabfallende Palmwedel, verwechselt Eintopf mit Einlauf und staunt darüber, dass RTL sein Dschungelcamp nicht aus den Kölner Studios, sondern tatsächlich live aus Australien sendet.

Diese niedliche Naivität ist die Würze im TV-Dschungel-Einlauf, pardon, Eintopf, die ganz wie in der Reis-Bohnen-Pampe der Kandidaten aber nur in geringer Dosis vorkommt. Denn im Erfolgsrezept der einst verteufelten Show, die mittlerweile jeden Abend mehr als sieben Millionen Zuschauer anlockt, ist nichts ernst gemeint: Wenn sich das Moderatoren-Duo Sonja Zietlow und Daniel Hartwich, der Nachfolger des verstorbenen Dirk Bach, über die Dschungel-Insassen und über sich selbst auslässt, ist Ironie der Weg zum Erfolg.

Es ist ganz einfach: Hau dich selbst, dann tun die Hiebe der anderen nicht weh. Hartwich erklärt das Format selbst zum Schmuddel-TV und beteuert, dass er nur Arte guckt und Zietlow reitet darauf herum, dass die Bild.de-User sich in einer Umfrage Hartwichs Ablösung durch Drag-Queen und Dschungel-Kandidatin Olivia Jones wünschen. Und wenn sie dann noch ihre eigenen Zuschauer veralbern und grinsend erklären, dass der durchschnittliche RTL-Zuschauer bei Nachtwache an das berühmte Bild von Rembrandt denke – dann ist das in seiner Selbstironie so erhaben über alle Kritik, dass sich wohl so mancher bei RTL vor Freude einnässt und der Sender sich selbst als den wahren Dschungelkönig feiert.

Tatsächlich sind Zietlow, Hartwich und ihre Gag-Schreiber so gut, dass es sich lohnt, die Show zu gucken. Dass sich fast jeder zweite, der spätabends die Glotze einschaltet, mittlerweile in den Dschungel verirrt, liegt sicher auch an den pointiert-anspruchsvollen Dialogen der beiden. Dabei wurde die erste Staffel von „Ich bin ein Star – holt mich hier raus“ von Politik, Kirche und Medienwissenschaftlern als Ekel-, Schmuddel- und Unterschichten-TV angeprangert, die den Untergang der abendländischen Kultur einleute. Der Autor und Psychiater Mario Gmür bezeichnete das Dschungelcamp damals in der FAZ als „geschwätzig, kitschig, unprägnant, klischeehaft und kindisch.“ Die ganze Sendung, so Gmür, künde von einer regrediert-infantilen Verfassung.

Obwohl das Prinzip der Sendung gleich blieb – uninteressante Promis verdrücken in Dschungelprüfungen Buschschwein-Vagina, Kamel-Penis und ähnliche Leckereien, um Essen für die Gruppe zu erkämpfen, werden bei Stoffwechselvorgängen gefilmt, lästern übereinander und lassen sich zu mauen Sex-Geständnissen hinreißen – wurden die Kritiken mit der Zeit besser. Medienjournalist Stefan Niggemeier schrieb 2009: „Zum Geheimnis des überwältigenden Erfolges (…) gehört, dass die Show nicht nur an die niedersten Instinkte appelliert, sondern auch das Gehirn intelligenter Menschen anspricht. Sie ist hervorragend produziert.“ Die aktuelle Staffel wird bei Spiegel online gefeiert und die taz erkannte im Dschungelcamp sogar eine „intellektuelle Herausforderung“.

Unweigerlich fragt man sich, ob dieser jeder RTL-Zuschauer gewachsen ist. In dieser Frage steckt noch ein Erfolgsgarant der Sendung: Während man fröhlich über Hartwichsche und Zietlowsche Anspielungen lacht, freut man sich diebisch darüber, dass der dröge Nachbar das Camp sicher nur guckt, weil er sich voyeuristisch am Maden-Baden erfreut. Man ist also nicht nur den armen Ex- oder Nie-so-richtig-Berühmten im Camp überlegen – sondern vor allem dem gemeinen RTL-Zuschauer.

Und der kann einem ja höchstens leid tun, wenn er die Schicksals-Storys, die die Kandidaten am  Lagerfeuer absondern, ernst nimmt. Auf Mitleid dürfen die Dschungelcamp-Insassen nicht hoffen. Sie sind zwar keine richtigen Promis, dafür aber echte Medienprofis. Höchstens DSDS-Gewächs Joey tut einem ein ganz klein wenig leid und man hofft inständig, dass er morgen früh nicht tot aufwacht.

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