Tatort Dialektverleugnung

Auf, auf zum fröhlichen Tatort-Bashing! Zwar kann ich den gestrigen Einsatz in Stuttgart wegen diverser Ablenkungen meinerseits beim Gucken nicht bewerten. Zwei Sachen blieben aber hängen. 1. Man sollte den Bahnübergang Untertürkheim tunlichst meiden. 2. In Stuttgart wird feinstes Hochdeutsch gesprochen. Immer. Von allen.

Entweder wissen die Drehbuchautoren nicht, wo die Hauptstadt vom Ländle liegt, waren noch nie woanders als in Hannover, haben unseren Ministerpräsidenten niemals reden hören, ’s Fritzle Kuhn auch nicht und den netten Imbissbudenbesitzer mit türkischen Wurzeln bei uns um die Ecke schonmal gleich gar nicht. ODER sie finden Dialekte im Allgemeinen und das Schwäbische im Besonderen doof und peinlich und halten die Zuschauer in deutschen Landen für bescheuert und unfähig, eine kleine dialektale Färbung zu verstehen. Wahrscheinlich trifft das alles ziemlich genau zu.

Das finde ich furchtbar schade. Unser Land ist so reich an wunderbaren Dialekten, in denen Kultur, Tradition und regionale Besonderheit stecken. Aber statt froh über diesen Reichtum zu sein, schämt man sich dafür. Außer den selbstbewussten Bayern (und Wienern! Unsere Nachbarn sind da cooler …)  spricht kein Tatort-Ermittler-Team Dialekt und wenn dann mal ein schwäbelnder oder sächselnder Mensch auftritt, ist er treudoof, ungebildet oder wird verschämt in Nebenrollen versteckt. (Sorry, Bäckchen,wenn ich dir jetzt unrecht tue. DU solltest in Zukunft die Ermittlungen in Konstanz leiten). Wunderbare Ausnahme neben Bäckchen: Natalia Wörner, die in Stuttgart als Vertretungs-Staatsanwältin auftrat und darauf bestand, schwäbisch zu schwätza. Großer Schock für TV-Schaffende: Auch gebildete, erfolgreiche Menschen sprechen Dialekt!

Ich halte es außerdem für völligen Schwachsinn, wenn man aus Angst, dass Leute aus anderen Regionen nicht gucken, wenn Dialekt gesprochen wird, darauf verzichtet. Bestes Gegenbeispiel: Im unvergessenen und sehnlichst vermissten  „Bullen von Tölz“ wurde zum Teil richtig breit bayerisch gesprochen – die Serie war trotzdem ein großer Erfolg. Oder grade deshalb! Das Echte kommt eben an. Und nichts als perfektes Hochdeutsch in Stuttgart oder Leipzig ist unecht, doof und peinlich.

Leider fehlt oft nicht nur der Dialekt. Auch sonst verkommen die Tatort-Krimis zur Beliebigkeit und haben nichts mit der Region zu tun, in der sie spielen. Ob sich Lannert und Bootz jetzt durch Stuttgart, Frankfurt oder Castrop-Rauxel hochdeutscheln, ist völlig egal. Da wünscht man sich trotz der schauspielerischen Leistungen von Richy Müller und des anbetungswürdigen Felix Klare (ihr könnt ja nix dafür!) fast wieder den behäbigen Bienzle zurück. Bei dem wurde das Ländle zwar allzu bieder dargestellt, man war aber damit – pardon – näher an der Realität als bei seinen Nachfolgern. (Als Schwäbin, die in Stuttgart lebt, darf ich das sagen).

Mein Traum: Im nächsten Stuttgarter Tatort stürmen Stuttgart 21-Gegner den wegen nicht erfüllter Brandschutz-Auflagen geschlossenen Fernsehturm, um ein riesiges Plakat mit „Oben bleiben“ zu entrollen.Sie werden eingeschlossen, der Turm wird in Brand gesteckt, die Stuttgart 21-Gegner sterben. Tatvderdächtig sind ein paar Älbler, denen die nicht enden wollenden Proteste gegen den neuen Bahnhof auf den Sack gehen. Und alle schwätzat schwäbisch … Ach, wär des schee.

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