Nach dem Flugzeugabsturz

Eigentlich kann angesichts einer Tragödie wie dem Absturz der Germanwings-Maschine vergangene Woche nur Schweigen sein. Wer auch nur ein bisschen Anstand im Leib hat und sich ein klein wenig Rest-Empathie bewahrt hat, kann sich vorstellen, dass der Tod von 150 Menschen die Welt ihrer Familien und Freunde komplett veränderte. Wie schlimm es wirklich ist, kann ein Außenstehender sicher nicht nachempfinden. Dass unsinnige Spekulationen, unendliche Diskussionen und primitve Einschätzungen so genannter Experten und Journalisten alles noch schlimmer machen, kann man sich dagegen durchaus vorstellen. Um für Auflage und Klicks zu sorgen, waren und sind sich die Mitarbeiter von Bild, Focus online, Huffington Post und wie sie alle heißen, natürlich für nichts zu schade. Sie zeigten die Gesichter Trauernder, befragten Menschen aus dem Umfeld der Toten, ergötzten sich an der Katastrophe. So weit, so ekelhaft.

Aber auch scheinbar seriöse Medien griffen gewaltig daneben. Der unwürdige Titel der Zeit ist hier ein Beispiel, aber auch die Berichterstattung im Spiegel und auf Spiegel online. So kritisiert der niederländische Autor Arnon Grunberg (www.arnongrunberg.com) einen Text im Spiegel, in dem der Kopilot der Germanwings-Maschine als „größenwahnsinniger Narzisst und Nihilist“ bezeichnet wird. Grunberg findet es unwürdig für ein Nachrichtenmagazin, solche Spekulationen anzustellen und bezeichnet die Formulierungen des Spiegels als banale Propaganda-Instrumente. Und natürlich hat er recht damit! Das Unglück ist erst wenige Tage her, kein Mensch weiß, was genau im Cockpit vor sich ging und die ermitelnde Staatsanwaltschaft kann bis heute einen technischen Defekt nicht ausschließen.

Das steht auch bei Spiegel online. Direkt neben Texten, in denen der volle Name des Kopiloten steht. Die Begründung: Die bisher veröffentlichten Ergebnisse der Ermittler lassen keine Zweifel zu: A.L. (Anmerkung: von mir geändert, hier stand der volle Name) führte diese Katastrophe herbei, aus welchen Gründen er auch immer handelte. Der Pressekodex fordert für eine identifizierende Berichterstattung, es müsse „eine außergewöhnlich schwere oder in ihrer Art und Dimension besondere Straftat“ vorliegen. Diese Voraussetzung sehen wir erfüllt.

Nochmal zum Mitschreiben: Das steht unter einem Text, der in nächster Nähe zu einem anderen steht, der folgende Überschrift trägt: „Absturz-Tragödie in Frankreich: Ermittler schließen technischen Defekt nicht aus“.

Beim Spiegel sind sie also Hellseher und wissen mehr als die Staatsanwaltschaft. Das muss ich jetzt erstmal sacken lassen.

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