Hörenswert, Teil 2

Wer Kinder hat, weiß: Verkitschte, verblödende, musicaleske, mit Zuckerguss übergossene Musik für die Kleinsten gibt es mehr als genug. Es gibt aber auch Viktoria Mellmann. Ihre CD „Du bist ein Wunder. Meine Traum- und Schlaflieder“ hört man voller Freude weiter, auch wenn die Mäuse schon eingeschlummert sind. Weil die Lieder so kunstvoll und klug komponiert sind, weil die Stimme von Viktoria Mellmann so klar und unaufdringlich ist und weil sie uns mit leisen Tönen mitnimmt auf eine große Reise. Ganz ohne Kitsch und Pathos – aber mit viel Liebe. Tolle Frau, tolle Musik. Reinhören und traumwandeln …

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Hörenswert, Teil I

Melancholisch, erhaben, überlegt und einfach wunderbar musikalisch: Chris Eckmans CD „Harney County“ ist so unprätentiös, rau und schön wie die einsame Gegend im Süden Oregons, die der CD ihren Namen gab. Reinhören, mitnehmen lassen, glücklich sein.Bild

Himbeersaft, verdünnt

Eine Analyse. Hochintelligent. Messerscharf. Entlarvend. Mit Einblicken in die Szene, Blicke in Abgründe. Gänsehaut und Erhellung. So hab ich mir Andres Veiels Stück DAS HIMBEERREICH vorgestellt. Ok, ist vielleicht zu viel verlangt. Aber der Hype um das Stück war noch riesiger als meine Erwartungen. (Fast) überall wurde das Werk über Bankenkrise, Finanzjongleure, Milliardenverluste und die berühmte geplatze Finanzblase ehrfürchtig besprochen und zum Stück des Jahres stilisiert. Veiel erzählte gern und viel davon, wie er 20 Spitzenbanker zum Thema interviewte, ihre Aussagen verschleierte und anonymisierte und daraus das Himberreich errichtete.

In einem fensterlosen, kühl ausgeleuchteten Raum mit spiegelnden Wänden aus Edelstahl und lautlos auf und ab gleitenden, gläsernen Aufzügen  stehen fünf Männer und eine Frau und reden nicht miteinander, sondern mit dem Publikum. Alles bereits gefallene oder bald strauchelnde Top-Dogs des Investmentbankings, die mit grandiosen Worthülsen vom Big Bussiness plaudern. Unvorstellbare Milliarden. Unkalkulierbare Risiken. Wenn’s schief geht, löscht der Steuerzahler die Finanzfeuer. Und nachts ruft die Kanzlerin an, um sich das Geschäft mal erklären zu lassen. Denn: is‘ ja politisch gewollt, dieses ganze zynische „The sky’s the limit“-Spiel.

Wer die vergangenen fünf Jahre nicht im Dschungelcamp oder auf einem anderen Planeten verbracht hat, erfährt an diesem Abend nix Neues. Die Bankenkrise ist wirklich schon überall (besser!) durchgenudelt und seltsam schallende Stimmen aus dem Off tragen auch nicht zur Erhellung bei, wenn sie vom schwierigen Vater und den Schlägern in der S-Bahn erzählen und wohl zeigen sollen: Banker sind auch Menschen. Keine guten natürlich. Auch wenn sich beim ein oder anderen altgedienten Machtmann doch irgendwann das Gewissen meldet und ihm klar wird: Jetzt muss ich NEIN sagen in der Vorstandssitzung und den unseligen Coup platzen lassen. Gemacht hat er’s dann natürlich doch nicht.

Und, klar, der härteste Brocken ist natürlich die Frau in Top-Position. Das weiß man ja – wenn Frauen so hoch hinaus wollen und es auch schaffen, sind das ganz miese Biester. Also bitte, Herr Veiel, gleich werd ich sauer!

Und weil sie alle so himmelhoch hinauswollten, fallen sie natürlich tief. In ihre verchromte Hölle, wo sie am Ende des Stücks Jogginganzug überm edlen Zwirn tragen und die Aufzüge nur noch den netten Chauffeuer (der während des Stücks für die ganz Doofen ein paar Erklärungen ablieferte) nach oben bringen, während die anderen da unten schmoren müssen.

Irgendwie wartet man die ganze Zeit darauf, dass in diesem Un-Stück aus An-der-Rampe-Monologen noch was passiert. Etwas Spektakuläres. Nie Dagewesenes. Erhellendes eben. Passiert aber nicht. Am Ende müder Applaus, null Erkenntnisgewinn, Schauspieler, die gar nicht zum spielen kommen und die Frage, warum das jetzt das Stück der Saison sein soll. „Warum wird da niemand wütend?“, ruft Ulrich Matthes Figur ins Publikum. Ja, genau. Warum wird da eigentlich niemand wütend …