Die Geschichte von der Katze, die durch das Fenster stieg und verschwand

Eine Vorlesegeschichte für Kinder

Morgens darf Molly so lange schlafen wie sie will. Wenn sie aufwacht, dreht sie eine kleine Runde im Garten und frühstückt in der Küche. Dann legt sie sich wieder hin. Später geht sie nochmal in den Garten. Danach schlafen und fressen. Dazwischen putzt sich Molly ein bisschen, rollt sich auf dem Schoß von Tim zusammen und lässt sich von ihm kraulen. Tim ist Mollys Mensch und er wohnt schon sehr lange bei ihr. Fast 20 Jahre. Denn so alt ist Molly. Das ist alt für eine Katze. Sehr alt. Tim ist nicht nur Mollys Mensch, er ist auch ihr bester Freund. „Meine Schöne“ , sagt er immer zu ihr. Das hört sie sehr gern und schnurrt dann für ihn.

Weil Molly schon so alt ist und manchmal nicht mehr genau weiß, was heute für ein Tag ist und was sie jetzt eigentlich machen soll, muss alles immer gleich ablaufen. Dann ist sie glücklich. Wenn irgendwas anders ist als sonst, schmollt Molly. So wie heute. Tim weckt sie ganz früh am Morgen.  Dann holt Tim Mollys Katzenkorb – den zum verreisen. Auch wenn Molly alt ist und nicht mehr alles mitkriegt: Sie weiß, hier läuft etwas schief! „Ich fahre heute in Urlaub, Molly. Und weil du da leider nicht mitkannst, darfst du zwei Wochen lang bei Mia wohnen, meine Schöne.“ Molly versteht nichts außer „meine Schöne.“ Aber diesmal schnurrt sie nicht.

Kurze Zeit später kommt Tims Schwester Mia und holt Molly ab. Sie muss in dem engen Reisekorb  auf der Rückbank von Mias Auto sitzen. Dabei wird ihr beim Autofahren immer schlecht! „Wir machen es uns uns ganz schön“, ruft Mia. Molly weiß nicht, was sie meint und guckt raus auf die Felder, die am Auto vorbeifliegen. Langsam werden aus den Feldern kleine Häuser, große Häuser und noch mehr Häuser. Denn Mia wohnt in der Stadt, weit weg von ihrem Bruder. „Warum hat mein Freund Tim mich nicht mehr lieb?“, fragt sich Molly und ist traurig.

In Mias Wohnung ist alles für Molly vorbereitet. Ein mit Futter gefülltes Schälchen in der Küche, weiche Kissen zum Schlafen und Schnurren im Wohnzimmer. Aber Molly will nicht schlafen und schnurren. Sie will zu Tim! Obwohl sie furchtbar müde ist von der Fahrt, hat Molly eine Idee. Sie sieht, dass die Terrassentür in der Küche gekippt ist. Früher hätte Molly da nie hindurch gepasst. Weil sie in den letzten Jahren aber ein bisschen kleiner und dünner geworden ist, geht es jetzt bestimmt. Als Mia kurz im Bad verschwindet, nimmt Molly all ihren Mut zusammen und schlüpft durchs Fenster. Vorsicht, Molly, nicht mit den Hinterbeinen hängenbleiben!

Geschafft. Molly steht im winzigen Garten. Sie weiß nicht wohin und für einen kurzen Moment hat sie auch vergessen, warum sie abgehauen ist. Da fällt es ihr wieder ein. Sie muss zurück zu ihrem Freund Tim, damit alles wieder so ist wie immer. Aber wo ist Tim? Und in welcher Richtung ist Mollys Haus? Molly tappt auf leisen Pfoten los. Vorbei an ein paar Bäumen, den Müllcontainern und einer zerzausten Krähe. Ob die Krähe weiß, wo Molly Tim finden kann? Fast will sie fragen – doch die Krähe guckt sie mit so durchdringend bösen Augen an, dass Molly sich nicht traut. Sie tappt weiter und weiter, obwohl ihr die alten Knochen schon ganz schön wehtun.

„Komm, Miez, Miez, Miez“, ruft eine schmeichelnde Stimme. Molly hört nicht mehr so gut – aber sie riecht umso besser! Und hier riecht es wunderbar nach frischem Fleisch und warmer Milch. Vorsichtig nähert sie sich der Tür, aus der Geruch und Stimme kommen. Eine alte Frau steht dort. „Komm, Miez, Miez, Miez, hier gibt es Essen für dich. Und Milch“, sagt sie. Molly versteht nichts. Aber sie weiß: Das ist hier nicht ihr Haus. Aber wenn sie jetzt durch diese Tür geht, wird sie Tim nie wiedersehen. Das spürt Molly. Und obwohl sie schrecklich müde und hungrig ist, trottet sie weiter.

Molly weiß nicht, wohin sie muss. Aber hier bleiben geht auch nicht. „He, was ist das denn für ein räudiges Vieh“, sagt ein Mann, der  direkt hinter Molly steht. Der Mann neben ihm sagt: „Wieder so ein Streuner. Wollen wir den totschlagen?“ Molly weiß nicht was totschlagen ist, sie weiß aber, dass diese Männer sehr unfreundlich sind und ganz übel riechen. Mit letzter Kraft rettet sie sich in eine dichte Blätter-Hecke, das Fluchen der Männer im Ohr. Gut gemacht, Molly!

Hinter den Blättern ist ein Spielplatz, auf dem ein kleines Mädchen ganz allein auf dem Klettergerüst spielt. Molly sieht ihr zu. Früher konnte sie genau so gut klettern wie das Mädchen! Als die Kleine sie sieht, kommt sie vorsichtig auf Molly zu und spricht mit ihr. „Hallo, meine Schöne. Ich bin Lila. Und du siehst hungrig aus …“ Meine Schöne! Lila redet mit Molly so, wie Tim es immer tut. Irgendetwas sagt Molly, dass sie der kleinen Lila vertrauen kann. Deshalb kommt sie einfach mit, als Lila nach Hause läuft, in das rotgestrichene Haus, gleich hinter dem Spielplatz.

„Guck mal, Mama, das Kätzchen hier ist mir zugelaufen“, ruft Lila fröhlich, als sie im roten Haus ankommen. Lilas Mama kommt aus der Küche und guckt die beiden freundlich an. „Hallo, Lila. Das ist aber eine hübsche Katze. Dann wollen wir ihr aber mal was zu fressen geben.“ Molly bekommt leckere Fleischstückchen und Wasser mit ein bisschen Milch drin, so wie sie es mag.

Nach dem Essen schläft Molly sofort auf dem gemütlichen alten Plüschsofa in der Küche ein. Lilas Mama läuft kurz nach draußen und kommt mit einem Zettel wieder zurück. Darauf ist ein Bild von Molly! „Guck mal, das Kätzchen heißt Molly und wird dringend gesucht“, sagt Mama. Lila ist ein bisschen traurig, weil sie Molly gern behalten hätte. Sie ist aber auch froh, dass das Kätzchen nicht ganz allein ist auf der Welt, sondern von jemandem gesucht wird. „Jeder sollte jemand haben, der ihn vermisst“, sagt Oma immer. Lila wählt die Telefonnummer, die auf dem Zettel steht und redet mit der überglücklichen Mia. Die ruft sofort Tim an. Zum Glück ist er noch nicht in den Urlaub gefahren! Er fährt sofort mit seinem Auto los, um Molly abzuholen.

Zwei Stunden später steht er vor Lilas Haustür. Lilas Mama macht ihm auf und sie reden in der Küche. Molly spitzt im Schlaf die Ohren und glaubt zu träumen… Tim ist wieder da. Ihr bester Freund Tim! „Hallo, meine Schöne. Was machst du denn für Sachen?“, fragt er. Molly leckt seine Hand und wünscht sich, dass sie nie mehr getrennt sind. Tim wünscht sich das auch. „Ich geb’ dich nicht mehr weg, Molly,“ sagt er. „Du kommst einfach mit mir in den Urlaub!“ Molly weiß nicht, was Urlaub bedeutet. Sie weiß aber, dass jetzt alles wieder gut ist.

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